CD-Review: Nebelfront – Pour ma sœur

nebelfront_pour ma soeur

[Dark Ambient/Black Metal] – Der neue Weg (2010)
Österreich
Bedrückend!

Man kann schwerlich sagen, dass ich es nicht ehrlich versucht hätte. Das Setting fürs erste Hören war perfekt – 6.30 Uhr morgens, auf halbem Weg zur Arbeit, noch eine etwa einstündige Fahrt vor mir; es hatte frisch geschneit; im Deutschlandradio war eben die Morgenandacht zu Ende gegangen und meine antireligiösen Impulse suchten nur noch ein Ventil – was wäre besser geeignet, als Schwarzes Metall aus dem Untergrund? Auf der anderen Seite war ich bemüht, nicht zu viel zu erwarten von einem Ein-Mann-Debüt. Wie sich herausstellen sollte, war die Vorsicht allem guten Willen zum Trotz nicht unangemessen.

Das Tempo von „Pour ma sœur“ ist durchweg langsam, einzig der eponyme Track 8, ‚Nebelfront‘, legt etwas zu. Die Abfolge der Stücke orientiert sich stets an demselben Schema, namentlich dem Wechsel von instrumentell kaum begleiteten Ambientsegmenten/Naturgeräuschen zu auf den ersten Blick durchaus Burzum-esquen Black-Metal-Segmenten, die eine zuvor jeweils angespielte Melodie eher verwelken lassen als elaborieren. Der Rhythmus der Metalsegmente ist schleppend und schwer, mit etwas tieferen aber allgemein leicht verständlichen englischen und deutschen Vocals (die allerdings eher leise sind/von den Instrumenten übertönt werden); eine meiner frühen Assoziationen war die eines durch den Schnee schlurfenden Wiedergängers.

Meine Einstimmung auf religiöse Themen hat sich leider nicht gelohnt, bereits im Intro wird der thematische Rahmen eher mit emotionalem Leid und Kälte, Hoffnungslosigkeit, Gleichgültigkeit und ähnlich individuumsbezogenen Themen gesteckt.

Womöglich war diese falsche Einstimmung, die mich nicht „warm“ werden ließ mit dem Album; womöglich war es meine allgemein positive Lebenssituation, die – wiewohl Weltschmerz und depressive Phasen eigentlich zu einem wiederkehrenden Repertoire meiner Psyche gehören – auch nach wiederholten Hören keinen Zugang gestattet hat; womöglich sind es einfach andere Ansprüche, mit denen ich mittlerweile an Musik herantrete: „Energietransfer“ spielt für mich dabei eine große Rolle, und „Pour ma sœur“ kommt alles andere als energiegeladen daher. Gerade die Black Metal-instrumentierten Tracks hätten ihre Botschaft meiner Ansicht nach auch in der Hälfte der Zeit übermittelt – will sagen, sie sind viel zu lang (dafür, dass sie weder besonders leidenschaftlich sind, noch ambient, und auch keine rechte Stimmung aufkommen lassen) -, die Instrumentierung wirkt bisweilen einfallslos und vorhersehbar; insofern hält die Erinnerung an Burzum auch nicht allzu lange, auch aufgrund der uninspirierten Vocals. Mit der genretypischen schlechten Produktion könnte man sich noch anfreunden, wenn sie nicht doch irgendwie synthetisch wirken würde, mit durchsichtig platzierten Fehlern, Rückkoppelungen et cetera und leider viel zu dünnem Sound. Die Melodien sind simplistisch, um nicht zu sagen simpel. Nur zwei Tracks stechen meiner Ansicht nach heraus, nämlich das bereits genannte ‚Nebelfront‘ sowie das Intro ‚Devant l’Abime‘ (ist auch erfrischend kurz); der Rest ist austauschbar.

Ich habe Hochachtung davor, dass jemand – dem Titel und den Lyrics und allem Anschein nach autobiographisch motiviert – die Produktion eines Full-Length-Albums durchzieht, und habe lange mit mir gehadert, wie ich es bewerten sollte. Offensichtlich steckt Leidenschaft oder zumindest Getriebenheit dahinter… nur kommt diese nicht beim Hörer – zumal nicht bei mir – an. Für einen Erstling fehlt mir der Ausblick auf Potenziale, Entwicklungsmöglichkeiten, sich andeutende Innovation. Immerhin, wenn man darauf aus ist, eine Art gequälter Melancholie in roher und minimalistischer Produktion „zu sich zu nehmen“ und auch auf klassisches Gedresche und Gekreische verzichten kann, oder auf der Suche nach geeigneten Drei-Uhr-Nachts-Hörerlebnissen ist, könnte Nebelfront eine gute Wahl sein.

Hörbeispiele zu Nebelfront finden Sie unter folgendem Link: http://www.myspace.com/realnebelfront
geschrieben am 28.2.2011 von gorogh@folkmetal.at

Im Forum diskutieren: Folk Metal Forum

Bewertung: Punkte (Innovation): 3 von 15
Punkte (Gesamt): 6 von 15
Informationen: Nebelfront
Der neue Weg

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