Interview: Dornenreich

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Trotz engem Terminkalender stand uns Eviga von Dornenreich noch kurz vor Tournee-Start Rede und Antwort. So können wir diese Zeilen zeitgerecht und exakt mit Beginn der Tour am 10. Februar 2011 in München und mit dem Release des neuen Albums „Flammentriebe“ veröffentlichen. Das zentrale Thema war natürlich das brandneue Werk der Österreicher. Es blieb aber noch Zeit über Vergangenheit und Zukunft, sowie den Flammenmenschen zu philosophieren.

Folkmetal.at: Hallo Eviga… es freut mich, dich wieder gerade zu einem für Dornenreich so wichtigen Zeitpunkt vor das Mikrophon zu bekommen. Als wir das letzte Interview im Oktober 2009 geführt haben, wurde gerade „Nachtreisen“ veröffentlicht. Nun stehen wir kurz vor dem Release eures neuen Werkes „Flammentriebe“, sowie der am 10.02. in München beginnenden Europa Tournee. Die Vorbereitungen und die Promotion liefen perfekt. Schon lange wurde über euer Album im Vorfeld diskutiert. Die Erwartungshaltung ist keine geringe. Ist deine persönlichen Erwartung und damit der Druck auch dementsprechend groß?

Eviga: Leider werde ich mich hier etwas kürzer fassen müssen, als man das von mir in Interviews eigentlich erwarten kann, doch ich stecke mitten in den Tour-Vorbereitungen. Man möge mir die Kürze also bitte verzeihen!

Dornenreich 2011 Wien-0011

Ich bin im Moment einfach glücklich mit dem neuen Album, das in vielerlei Hinsicht sogar noch weit stimmiger geworden ist, als ich es je zu hoffen gewagt hätte. „Flammentriebe“ kann – so meine ich – jeder Erwartungshaltung standhalten und insofern bin ich wirklich guter Dinge. Die Tour wird uns allerdings einiges abverlangen, da das geplante Akustik-/Metal-Doppelset neben sehr viel Energie auch sehr viel Konzentration erfordern wird. Wir freuen uns hier aber alle enorm auf diese Konzerte, nicht zuletzt auch deshalb, weil dieses spezielle Live-Programm einer unerhört ausgetüftelten und stimmigen Dramaturgie folgen wird.

Folkmetal.at: Es wurde viel im Vorfeld über „Flammentriebe“ diskutiert und ebenso von Medien und Fans hinein interpretiert. Es war von Anfang an kein Geheimnis, dass es sich bei „Flammentriebe“ um ein düsteres Metal Album handeln wird. „Her von welken Nächten“ wurde von Anfang an als Maßstab herangezogen. Bei der Listening Session in Wien, wo ich selbst anwesend war, war es das Thema schlecht hin. Wird „Flammentriebe“ „Her von welken Nächten“ übertreffen können oder nicht! Nervt es nicht, wenn gewisse Leute euer Schaffen auf zwei Alben reduzieren, die noch dazu 10 Jahre auseinanderliegen oder siehst du das eher gelassen?

Eviga: Sehr gelassen sehe ich das, ja. Jedes Album bietet ein authentisches Bild unseres Entwicklungsstandes zum jeweiligen Zeitpunkt der Entstehung – Punkt. „Flammentriebe“ ist für mich unser organischstes Werk, was insbesondere die starke Einheit von Wort, Ton, Produktion und visueller Umsetzung betrifft. Viele halten „Her von welken Nächten“ für unser bestes Album und daher freut es mich freilich, wenn nun „Flammentriebe“ mit diesem Album verglichen wird und man anhand der ersten (Presse-)Reaktionen schon ablesen kann, dass einige „Flammentriebe“ sogar höher einschätzen als „Her von welken Nächten“. Mir selbst ist wichtig, dass wir unseren Weg mit Dornenreich unbeirrt und authentisch gehen – und dass unsere gesamte Diskografie nachvollziehbar bzw. schlüssig ist.

Folkmetal.at: Die Situation ist heute doch eine ganz andere. Mit „Her von welken Nächten“ habt ihr einen Meilenstein, als mehr oder weniger noch unbeschriebenes Blatt gesetzt, und damit die Black Metal Welt in Aufruhr versetzt. Heute sieht die Situation anders aus. Ihr seid in der Szene weltweit bekannt und anerkannt. Ergibt sich da nicht zwangsläufig eine Situation, natürlich im positiven Sinne, die sich in deinen Texten widerspiegelt? Das ewige Verlangen des Menschen voran zu treiben?

Eviga: Dornenreich ist eben auch Widerspiegelung einer Lebensreise, genau. Ich denke, dass man alle unsere Alben sofort als Dornenreich-Alben erkennt – textlich, musikalisch und auch visuell. Mit den Erfahrungen verändern sich Blickwinkel, natürlich, aber diese Tatsache – kombiniert mit meinem Kreisen um immer aktuell bleibende Grundfragen des Menschseins – hält das Ganze letztlich lebendig und spannend.

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Folkmetal.at: Der Flammenmensch wandelt durch Klang und Text. Erzähl uns ein wenig über Ihn.

Eviga: Der Flammenmensch gehorcht dem Diktat der (Gewinn-)Maximierungsgesellschaft. Er stellt die Modelle des etablierten (westlichen) Lebensglückes nicht in Frage und versucht sie auf Kosten von Erde und Kreatur zu verwirklichen und verdrängt dabei die Grundbedingung seines eignen Lebens: das Zyklische der Weltnatur. Deswegen wenden sich die Texte des neuen Albums auch in zunächst anklagender und schließlich auffordernder Weise an das Individuum, in und mit dem nachhaltige Veränderungen der Gesellschaft stehen und fallen.

Folkmetal.at: Im Prinzip ist die Thematik eurerseit’s nicht neu. Ihr habt euch von Beginn an mit dem Wandel der Zeit und der selbszerstörerischen Kraft des Menschen auseinadergesetzt.

Eviga: Stimmt. Meiner Wahrnehmung nach haben wir uns im Laufe der Jahre intensiv und aus vielen Blickwinkeln mit der Suche des menschlichen Individuums nach tiefer Lebenszugehörigkeit befasst – und zwar auf sehr umfassende Art und Weise. Freude und Schmerz zu durchleben und zu ergründen, um die zyklische Natur des Lebens ganz annehmen und einem natürlichen Gleichgewicht auf der Spur bleiben zu können, ist für uns immer von zentraler Bedeutung gewesen.

Folkmetal.at: Zurück zur Produktion für das neue Album. Ihr habt genau euren Zeitplan eingehalten. Daraus lässt sich ableiten, dass das Flammentriebe-Konzept schon sehr früh entstanden ist, bzw. sogar Feststand. Hat es dennoch den ein oder anderen Kompromiss im Studio gebraucht?

Eviga: Richtig, wir haben den zeitlichen Rahmen für die gesamte Produktion von „Flammentriebe“ schon 2009 erstellt und diesen dann 2010 eingehalten. Allerdings hielten wir den kreativen Prozess auch im Studio aufrecht und nahmen tatsächlich noch die eine oder andere Änderung vor. Insbesondere im Felde der Arrangements tat sich im Studio noch einiges. Kompromisse waren keine nötig, da wir drei – bzw. mit Markus Stock vier – eine sehr ähnliche Vorstellung verfolgten.

Folkmetal.at: Wie schwierig stellten sich die Violinen Passagen, in einem doch seit langen wieder harten Metalgewand und von Blast Beats geprägten Musikkonzept, für Inve dar.

Eviga: Definitiv war es eine große Herausforderung, die Geige klanglich und auch vom Arrangement her aufregend und stimmig mit den Gitarren in Dialog treten zu lassen. Inve experimentierte schon Monate vor dem Beginn der Aufnahmen mit verschiedensten Mikrofonen und Aufnahmetechniken. Dem ausbalancierten Endergebnis merkt man zu keinem Zeitpunkt an, wie viel Klangforschung und Arbeit da drin steckt – und das ist freilich die Kunst daran …

Folkmetal: Gilvan, er ist als Studio Drummer mit an Bord, soweit ich recherchiert habe seit gut zwei Jahren Live dabei und ich nehme an auch jetzt bei der Tournee auf der Bühne. Darüber hinaus?

Eviga: Tatsächlich ist er bereits seit 2005 als Booker und Manager wieder in Dornenreich involviert, will meinen, er ist schon seit vielen Jahren wieder ein Mitglied Dornenreichs und es war nur eine Frage der Zeit, bis wir auch wieder ein gemeinsames Album anpacken würden.

Folkmetal.at: Du hast bei der Listening in Wien verkündet „Flammentriebe“ wird (wahrscheinlich) euer letztes Metal Album sein???

Eviga: Möglich ist es, ja. Jedenfalls sind in den vergangenen Jahren parallel zu „In Luft geritzt“, „Nachtreisen“ und „Flammentriebe“ viele neue Stücke auf akustischer Basis entstanden, aber das muss nichts heißen, denn z. B. auch das neue Stück ‚Wandel geschehe‘ ist ausschließlich mittels akustischer Gitarre geschrieben worden und das Stück ‚Jagd‘ von „In Luft geritzt“ spielen wir live fast ausschließlich in einer Metal-Version. Es geht uns also immer wieder einfach um die Musik an sich, die Leidenschaft – und die kann sich in so manche Kleider hüllen. Wir werden sehen, was sich nach den vielen Konzerten, die wir in diesem und im kommenen Jahr spielen werden, als authentischer weiterer Dornenreich-Schritt anfühlen wird.

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Folkmetal.at: Würdest du sagen, Dornenreich hat dem Black Metal ein neues Gesicht verpasst.

Eviga: Schon auf userem ersten Flyer aus dem Jahr 1997 sprachen wir von unserer Interpretation von Black Metal und diese Interpretation haben wir in den vergangen fünfzehn Jahren immer umfassender, individueller und überzeugender ausgestaltet, meine ich. Persönlich habe ich immer viel Potenzial in den Ausdrucksmöglichkeiten und der Aura von Black Metal gesehen bzw. empfunden und es war mir ein Anliegen, Black Metal noch weiter in das Feld relevanter Kunst zu führen, wie dies Bands wie Ulver oder Kvist begonnen haben. Es ging mir um authentische, hoch emotionale, mystische, vielschichtige und Gegensätze in einer Vision vereinende Expression.

Folkmetal.at: Eure Musik und nun im speziellen euer neues Machwerk ist von extremer Spannung geprägt. Da möchte ich speziell ein Stück stellvertretend heraus nehmen, welches eigentlich das gute Zusammenspiel zwischen dir, Gilvan und Inve aufzeigt: ‚Wolfpuls‘. Da gibt es den letzten Teil, der es mir persönlich ganz angetan hat. Ein Teil der irgendwo ein Übergang von „In Luft geritzt“ sein könnte. Ein emotional enorm starkes Finish. Was ich damit sagen will, es zeigt doch, dass du mit Gilvan und Inve das perfekte Team gebildet hast?

Eviga: Vielen Dank. Ja, die letzten fünf Jahre in der Bandgeschichte waren sehr intensive, ereignisreiche Jahre. Wir haben sehr viele Konzerte gegeben und durch die vielen abenteuerlichen Situationen und die vielen Emotionen, die Tourneen mit sich bringen, sind wir nicht nur musikalisch noch weiter zusammengewachsen – sonder eben auch menschlich. Das hat der Band bzw. den Menschen dahinter spürbar gut getan – wie „Flammentriebe“ bezeugt.

Folkmetal.at: Wo die musikalische Harmonie unter Beweis gestellt wird, ist unter anderem die letzte Performence auf „Flammentriebe“. ‚Erst deine Träne löscht den Brand‘. Habe es schon bei meinem CD-Review hervorgehoben. Ein herrliches Instrumental. Eventuell schon ein Übergang für das nächste (akustische) Werk?

Eviga: Ganz genau. Vieles in diesem Stück weist in die Zukunft, ja. Das Stück schließt den Zyklus des Albums ab, der ja mit dem ungemein getriebenen „Flammenmensch“ beginnt – und es steht zugleich auch für sich. Nach meinen vorigen Angaben zum höchstwahrscheinlich akustischen Grundcharakter eines weiteren Dornenreich-Album ist aber klar, dass sich manches von dieser möglichen Entwicklung eben schon im letzten Stück von “Flammentriebe” abzeichnet.

Folkmetal.at: Ein Stück von „Flammentriebe“ welches dir besonders am Herzen liegt?

Eviga: Die Schlüssigkeit des Albums bedeutet mir am meisten. Zwei oder drei gute Stücke findet man auf vielen Alben, aber ein Album zu entwickeln, das durchgehend spannend ist und eine faszinierende Gesamtausstrahlung hat, ist ein weitaus schwierigeres Unterfangen. Textlich liegt mir ‚Wolfpuls‘ sehr am Herzen, weil dieser Texte die Ausbeutung der Kreatur äußerst direkt anklagt.

Folkmetal.at: Du bist ja noch zusätzlich Part eines Wiener Projektes. Das wird klarerweise zur Zeit in den Hintergrund geraten?

Eviga: Eigentlich nicht. Angizia spielen ja (noch) nicht live und alle anderen Arbeitsbreiche lassen sich in der Regel zeitlich abstimmen.
Und es freut mich enorm, dass wir die Arbeiten an beiden Alben dieses Mal scheinbar sehr gut koordiniert haben, denn „Flammentriebe“ und „Kokon“ – das neue Angizia-Album – erscheinen zeitgleich und auch die Listening-Session zu „Kokon“, die einen Tag vor unserem Szene-Auftritt im Escape stattfinden wird, wird mit einer Dornenreich-Release-Party verbunden sein.

Folkmetal.at: Vielen Dank für die Beantwortung meiner Fragen und ich freue mich schon auf euren Live Auftritt in der Szene Wien am 12. Februar.

Eviga: Ich danke dir für deine außergewöhnlichen und dementsprechend anregenden Fragen!

Das Interview führte Erich von Folkmetal.at im Februar 2011

Weitere Informationen über Dornenreich:

Offizielle Webseite von: Dornenreich

My Space Seite von: Dornenreich

Aktuelle CD Rezensionen:

Flammentriebe

In Luft geritzt

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