Interview: Eluveitie – „Nach dem Wechsel“

eluveitie018
© Folkmetal.at – Eluveitie September 2012 in Wien

Es ist uns eine besondere Freude, euch dieses Interview mit Chrigel Glanzmann von Eluveitie präsentieren zu dürfen. Herzlichen Dank an Chrigel für die sehr persönlichen und ausführlichen Antworten!

Folkmetal.at: Angesichts der neuerlichen Personalwechsel bei Eluveitie, was wird die grösste Herausforderung sein Deiner Meinung nach?

Chrigel: Umstellungen, Neu-Formationen, etc. sind grundsätzlich immer schwierig, denke ich. Aber sie sind immer auch eine Chance, wenn man sie als solche erkennt und nutzt. Ich kann nicht sagen, was „die grösste“ Herausforderung in diesem Sinne ist. Wir blicken einfach in die Zukunft – hoffnungsvoll, voller Tatendrang und auch voller Vorfreude! Natürlich wird es nicht einfach, ein neues Line-Up zusammenzustellen. Merlin, Ivo und Anna sind allesamt unersetzbar. Dennoch bin ich voller Vorfreude und gespannt auf unser neues Line-Up, denn ich bin mir sicher, dass es alles bisherige wegblasen wird. Vielleicht ist genau dies „die Herausforderung“ – ein Line-Up zu finden, welches eben genau das tut!

eluveitie004 eluveitie003
© Folkmetal.at – Eluveitie am Ragnarök Festival 2016, Links: Bandleader Chrigel, Rechts: Live-Musikerin an der Violine Shir-Ran Yinon

Folkmetal.at Wird sich die musikalische Ausrichtung von Eluveitie ändern? Mehr “back to the roots” oder etwas Neues?

Chrigel: Nein. Oder Jein, zumindest. Wir haben ja diesen Begriff „back to the roots“ in unserem offiziellen Statement zum Line-Up Wechsel verwendet. Dieser betraf aber eigentlich nur bedingt unsere Musik; sondern vielmehr uns als Band, als „Gefüge“. Primär bin ich es, der die Musik von Eluveitie schreibt und insofern wird diese auch gleich bleiben. Aber über die Jahre wurden wir als Band mehr und mehr zu einer „Institution“; ich zog mich mehr und mehr „aus dem ganzen Geschehen“ zurück und fokussierte mich nur noch auf die Musik, die Komposition, die Texte und Konzepte von Eluveite an sich. Aber nicht mehr um „uns als Band“, was nicht gut war! Und um ehrlich zu sein: Ich tat dies einfach aus Frust. Denn ich will keine verdammte „Institution“ sein. Eluveitie soll keine Firma sein! Eluveitie ist einfach nur fucking Rock ‘n Roll! Ich gründete Eluveitie und im meinem Herzen ist Eluveitie echt, ehrlich, authentisch, und… well, verdammt keltisch! DAS ist, was ich ursprünglich wollte, tat und als was ich Eluveitie gründete. Und genau DAS werden wir jetzt wieder! Und diesbezüglich war auch unser Statement primär gemeint. Es war nicht so sehr auf unsere Musik an sich bezogen, sondern mehr auf das, was wir als Band sind! Was unsere Musik an sich angeht: Nun, unser nächstes Album wird „Evocation II“ sein – der lang erfragte zweite Teil unseres Akustik-Konzeptalbums. Es wird sehr folkig, traditionell und archaisch werden, denke ich. Ebenso sind wir aber auch bereits an unserem nächsten Metal-Album am „basteln“ – die Kreativität ist derweil so richtig am fliessen! Viel dazu sagen kann ich aber noch nicht. Ausser, dass es härter werden wird. Wir haben voll Bock, so richtig in die Fresse zu hauen!

eluveitie009 eluveitie011
© Folkmetal.at – Eluveitie am Ragnarök Festival 2016, Links: Bassist Kay Brem, Rechts: Anna Murphy (mittlerweile kein Bestandteil mehr von Eluveitie).

Folkmetal.at: Für mich ist meine Band Caladmor sowas wie eine zweite Familie. Wie siehst Du das? Abgesehen von der jetzigen Situation bei euch, ist das überhaupt noch möglich, wenn man als Band so „gross“ geworden ist?

Chrigel: After all… that’s up to you! Du hast sowas immer selber in der Hand, finde ich! Ich denke, das hat an sich nichts damit zu tun, wie „gross“ man wird – „gross“, „erfolgreich“, etc. sind imho sowieso ziemlich sinnfreie Konzepte! Was heisst schon „Erfolg“? Das ist doch letztlich wertlos! Hauptsächlich, so glaube ich, geht es darum, wie viel Zeit man zusammen verbringt und unter welchen Umständen. Und klar – wenn Du eine Band betreibst wie wir, dann ist das ziemlich viel Zeit. Wir spielen bis zu 200 Konzerte pro Jahr (das wären im Durchschnitt jeden 1,85ten Tag eine Show). Und das beinhaltet natürlich sehr viele Tourneen (im Tourbus oder Flugzeug-Tourneen), sprich: Wir verbringen wortwörtlich den grössten Teil unseres Lebens miteinander. Ich verbringe mehr Zeit mit meinen Bandkollegen, als mit meiner Familie! Und insofern ist für mich die Band schon sehr stark sowas wie „Familie“. Aber eben, WIE das dann in der Praxis aussieht, das liegt immer in Deiner eigenen Hand! Letztlich ist auch eine Band sowas wie eine „Beziehung“ (zu jedem einzelnen Bandmitglied)! Und eine Beziehung bedeutet konstante Arbeit, es bedeutet konstantes „sich selbst reflektieren“, „sich selbst hinterfragen“, „Kompromisse eingehen“, „Grenzen überschreiten“, „auf einander zugehen“ und so weiter. Eigentlich ein bisschen wie in einer Liebesbeziehung! Oder eben… wie in einer Familie!

Folkmetal.at: Ich hab mir mal euren Tourplan angeschaut, ihr seid ja praktisch dauernd unterwegs. Ist da ein Privatleben überhaupt noch möglich? Wann nimmst Du Dir Zeit fürs Komponieren?

Chrigel: Ja, das ist schon ein bisschen so. Das „Privatleben“ ist, ehrlich gesagt, seit einigen Jahren schon ziemlich marginal. Ich meine, was heisst „Privatleben“? Wir sind halt nicht sehr viel zu Hause. Damit muss man sich eben arrangieren. Mein „Privatleben“ ist zu einem grossen Teil eben die Band – sie ist mein „soziales Netzwerk“, sie ist meine „Freizeit“. Genauso, wie sie auch mein Beruf ist. Die Musik ist eben unser Leben. Komponieren kann man, denke ich, immer und überall. Um ehrlich zu sein – ich mag die SBB nicht! Ich hatte schon richtig viel Ärger mit denen (die Antipathie beruht wohl auf Gegenseitigkeit! Nichtsdestotrotz entstehen immer wieder Songs während einer Zug- oder S-Bahn Fahrt. Weiss der Geier warum. Aber zum Komponieren brauch ich in dem Sinne nichts – keine Instrumente, keinen Computer. Das passiert eh alles im Kopf. Und ja, wann immer ich alleine unterwegs bin – z.B. im Zug (wie sehr oft, leider) oder auf Wanderungen in den Bergen (selten, leider) – beginnt das „musikalische Kopfkino“ zu laufen und Songs entstehen. Ich sag immer, dass man zum Musizieren (und somit zum Komponieren) eigentlich nichts benötigt – kein „Werkzeug“, kein „Wissen“, nichts! Alles, was man braucht, sind zwei Ohren und ein Herz!!!

Folkmetal.at: Gibt es Länder, wo ihr noch nie aufgetreten seid?

Chrigel: Haha, ja natürlich! Mikronesien, zum Beispiel! Oder Abchasien, Äquatorialguinea, Brunei, Ghana, Jemen, Kirgistan, Laos, Namibia, Papua-Neuguinea, Somalia, St. Lucia, Suriname, Togo, Tschad, Turkmenistan, Westsahara, um dem Alphabet zu folgen. Natürlich gibt es 1000 Länder, in denen wir noch nie gespielt haben (und in welchen wohl wenige Rock/Metal Bands je gespielt haben, noch je spielen werden). Aber… die Liste der Länder, in welchen wir spielten, ist dennoch auch ziemlich beachtlich, haha!

Folkmetal.at: Wo und wie holst Du Dir Inspiration fürs Komponieren?

Chrigel: Ok, das ist ziemlich pragmatisch, es gibt drei „Quellen“ – die Geschichte an sich, die keltische Kultur/Mythologie und die Natur (ok, zugegebenermassen primär alpine Gegenden, Berge und daneben halt tiefe Wälder, Berg-Seen, etc.).

eluveitie010
© Folkmetal.at – Eluveitie am Ragnarök Festival 2016

Folkmetal.at: Kannst Du mir schon etwas über das neue Album verraten? Konzept und Thematik?

Chrigel: Jein. Konzeptionell schon! Wie „Evocation I“ wird auch der zweite Teil komplett in gallischer (alt-keltischer) Sprache gehalten und voll und ganz keltischer Mythologie hingegeben sein! Unser nächstes Album wird „Evocation II – Pantheon“ heissen und der Name ist Programm – das Album wird quasi ein „Streifzug“ durch das keltische Pantheon sein. Jeder Track (egal ob Song oder Instrumental) wird einer keltischen Gottheit gewidmet sein. Musikalisch kann ich soviel sagen, dass „Evocation II“ einfach ein follow-up des ersten Teils sein wird. Aber „Evocation II“ wird, soweit wir es empfinden, noch viel folkiger sein und auch archaischer; aber gleichzeitig auch „härter“ (im akustischen Folk-Sinne; halt energetischer).

Folkmetal.at: Von der Musikindustrie ist ja schon seit Jahren ein grosses Jammern wegen Verkaufseinbrüchen und Downloads zu hören. Ich behaupte, es gibt einfach zu viel schlechte Musik. Gute und innovative Musik kaufen die Leute immer noch! Wie denkst Du darüber?

Chrigel: Ich glaube, ehrlich gesagt, das eine hat nicht so viel mit dem anderen zu tun. Was „gute Musik“ ist, und was nicht, liegt – den Göttern sei Dank! – immer im Ohre des Hörers. Persönlich empfinde ich das auch so. Meine CD-Sammlung ist ziemlich klein und wohl inzwischen ziemlich old-school, haha. Das liegt in der Tat daran, dass mich sehr viel neues, was so rauskommt, schlicht nicht anspricht (=ich finds scheisse). Aber eben, das ist Geschmackssache. Was die Verkaufseinbrüche angeht – na ja, natürlich gibt es die. Ganz massiv! Ich meine, die ganzen illegalen Downloads sind schon mal massiv. Ein kleines Beispiel: Als wir zum ersten Mal in Indien spielten, wurden unsere Alben noch nicht in Indien vertrieben! Sprich, man konnte in Indien – zumindest in Läden und lokalen Online-Shops – keine Eluveite-Alben kaufen, zumindest nicht legal. Dennoch spielten wir unsere erste Indien-Show vor mehr als 20’000 Leuten von welchen hunderte, wenn nicht tausende – zumindest soweit ich von der Bühne aus sehen konnte – unsere Texte mitsangen und somit unsere Songs kennen mussten! Aber ehrlich gesagt, kümmert mich das alles herzlich wenig. Und ich wünschte mir, dass die Musikindustrie sich diese Gelassenheit auch etwas zuteil kommen liesse. Natürlich bedeuten illegale (oder sehr billige) Downloads Umsatzeinbrüche. Klar. Aber sie bedeuten gleichzeitig auch „Promotion“. Sorry, aber ich kümmere mich echt nen Scheiss darum, wenn irgendwer (egal wo) unsere Alben illegal downloadet. Denn Fakt ist: er mag Eluveitie (offenbar) und hört unsere Musik und das ist doch schön! Und diese Person kommt dafür vielleicht auch mal an ein Konzert von uns. Sie redet von uns. Und so weiter. Ganz ehrlich – ich wäre der letzte, der mich über sowas beklagen wollte! Umsatzeinbrüche hin oder her. Es ist immer eine Frage der Betrachtungsweise. Zudem kommt auch noch der Fairness-Gedanke ins Spiel. Wir kommen grad von ner Asien-Tournee. Wir haben beispielsweise Bangladesh gesehen. Sorry, aber: Den Göttern sei Dank gibt es Internet und illegale Downloads! Es gibt auf dieser Erde nun mal einfach ganz, ganz viele Menschen, die sich nicht eine einzige CD leisten könnten. Durch das Internet entdecken sie dennoch Musik, die sie anspricht. Und jetzt sag mir – warum sollen sie diese nicht downloaden? Entweder sie downloaden sie illegal oder sie hören sie einfach nicht. Also downloaden sie sie und das ist gut so! Finde ich!

Folkmetal.at: Was wünschst Du Dir für das Metal-Jahr 2016?

Chrigel: Ok… sehr kitschig, aber von Herzen: Ganz viel Kreativität, Härte, Authentizität, Ehrlichkeit, mehr Leidenschaft und höhere bpm-Zahlen!

Das Interview wurde geführt von maede@folkmetal.at

Weitere Informationen über Eluveitie:

Offizielle Webseite von Eluveitie

Facebook-Seite von Eluveitie

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s