Interview mit der Autorin und Musikern Andrea Bannert (Tibetréa) zur Clyátomon-Reihe

Folkmetal.at: Du bezeichnest Dich selbst als Sonnenkind. Wie ist Dein Verhältnis zum Element „Wasser“?

Andrea Bannert: Das Rauschen der Brandung entspannt mich. Mit dem Blick auf das silbrig glänzende Wasser, das sich bis zum Horizont zieht, schwinden Sorgen. Im Plätschern des Gebirgsbaches höre ich eine Melodie und nirgends fühle ich mich so zu Hause wie an meinem See. Wasser ist und war schon immer mein Kraftelement. Von Anfang an hielt es Einzug in meine Geschichten und es war klar, irgendwann würde ich ein größeres Unterwasserabenteuer schreiben.

© Andrea Bannert

Folkmetal.at: Die Clyátomon-Reihe besticht unter anderem durch die äusserst liebevolle Umarbeitung von Begriffen in typische „Meeressprache“. Wurde dies im Nachgang bewusst gemacht oder ist es einfach von Anfang an – im wahrsten Sinne des Wortes – aus Dir heraus- und in den Text hineingeflossen?

Andrea: Ich habe mir weder vorher noch nachher konkret überlegt, das machen zu wollen. Es ist sehr früh beim Schreiben einfach passiert. „Sich auf den Weg machen“ passte nicht für einen Meermenschen, also wurde automatisch „den Strom nach Delryen nehmen“ daraus. Beim Schreiben des dritten Bandes hatte ich das bereits so verinnerlicht, dass ich aufpassen musste nicht zu viel „Unterwassersprech“ zu verwenden.

Folkmetal.at: Hast Du ein Verzeichnis für Charaktere, Schauplätze, Masseinheiten, Gottheiten etc.? Wenn ja, in welcher Form? (physisch, digital, Moodboard oder ganz etwas anderes?)

Andrea: Ja, klar. Ich denke, wenn man eine Geschichte über fast 1.200 Seiten spinnen möchte, nebenher schreibt und damit mehrere Jahre daran arbeitet, ist das absolut essentiell, um nicht den Überblick zu verlieren. Für jeden der drei Bände habe ich einen Ordner angelegt, also mit physischem Papier, wobei ich die Dokumente meist am Rechner schreibe und ausdrucke. Gegliedert ist mein Hilfsgedächtnis in „Kapitelpläne“, „Charakterbögen“, „Orte“ (hier gibt es auch mal die ein oder andere handgezeichnete Skizze) und „Recherche“. Im letzten Teil finden sich Interviews mit Unterwasserarchäologen, Atlantis-Theoretikern oder Mythologien (natürlich Platons Dialoge Timaios und Kritias, in denen er vom sagenumwobenen Atlantis berichtet).

Übrigens gibt es in jedem Band am Ende auch ein Glossar mit wichtigen Personen, Orten und Begriffen, das mancher Leser zum Nachschlagen für zwischendurch schätzt.

Folkmetal.at: Hast Du eine Schreibroutine? Wie organisierst Du Deine „Schreib-Zeit“?

Andrea: Ich versuche kontinuierlich dranzubleiben – also fast jeden Tag auch kreativ zu schreiben und wenn es nur ein paar Zeilen sind. Das klappt nicht immer, etwa wenn für journalistische Projekte auch abends viel Schreibzeit erforderlich ist. Dafür gibt es Phasen, in denen ich richtig tief abtauche und recht viel schaffe. Dann vergesse ich auch mal die Uhrzeit und sitze bis spät in die Nacht an einem Text.

Folkmetal.at: Beschreibe uns bitte Deinen Schreibplatz.

Andrea: Gerade höre ich die Grillen zirpen, dazwischen kräht ein Hahn. Es duftet nach Gras. In der Wiese vor meinem Schreibtisch blühen Margeriten, Klee, Akeleien, Löwenzahn und Gänseblümchen. Kurzum, ich schreibe am liebsten draußen im Garten. Wenn es mal nicht weitergeht, wechsle ich den Ort und fahre mit Rad und Notebook an den Starnberger See oder gehe erstmal eine Runde joggen. Klar, das geht im Winter nicht. Dann sitze ich an einem alten Schreibtisch mit Leder und Holz, den mir mein Urgroßvater vererbt hat. Er hat auf diesem Tisch Uhren gebaut.

Folkmetal.at: Welche Bücher und Autoren haben Dich am meisten beeindruckt?

Andrea: Natürlich habe ich Lieblingsbücher, darunter die Klassiker wie „Der Herr der Ringe“, „Harry Potter“, die Edelstein-Trilogie von Kerstin Gier oder „Der Herr der Diebe“ und „Tintenherz“ von Cornelia Funke. Besonders beeindruckt haben mich Autoren und Bücher aber oft, wenn ich die Geschichte dahinter kannte; es ein verbindendes Erlebnis gab; ich jemanden auf einer Lesung kennengelernt hatte und eine emotionale Verbindung entstanden war. Und ich bin ein Formulierungsjäger; manchmal faszinieren mich einzelne Sätze in Büchern, die ich mir dann auch notiere.

© Andrea Bannert

Folkmetal.at: Wie hältst Du unterwegs Deine Ideen fest?

Andrea: Zum einen besitze ich ein Ideenbuch. Es fährt mit in den Urlaub, steckt oft in der Tasche, wenn ich draußen in der Natur bin und liegt meistens auf meinem Nachtkästchen. Dort halte ich alles Mögliche schriftlich fest. Es ist auch eine Art Tagebuch.

Gute Gedanken kommen mir außerdem häufig beim Autofahren. Ich nehme mir auch bewusst vor, auf der Fahrt in die Arbeit zu plotten. Dann diktiere ich und zeichne die Sprache mit dem Handy auf.

Folkmetal.at: Was ist Deine persönliche Meinung zum sagenumwobenen Atlantis, seinen Bewohnern und seinem Untergang?

Andrea: Ich denke, die Geschichte über das Land voller Gold und Silber ist ausgeschmückt wie jede Sage. Reduziert man Platons Erzählung aber auf den Kern, dass irgendwann vor der Erfindung der Schrift (also vor 2000 vor Christus) eine hochentwickelte Siedlung versunken ist, könnte es wahr sein … Dazu musste der Wasserstand über Normalnull ansteigen oder der Boden senkte sich ab. Beide Ereignisse gab es geologisch immer wieder. Das fand ich den perfekten Stoff für einen Fantasyroman. Was meine Fantasie zu Atlantis und seinen Bewohnern sagt, kann man in den Clyátomon-Büchern lesen (-:

Folkmetal.at: Wie hat die auftrittsfreie Zeit aka COVID-19 Dein Schreiben aber auch Deine Musik beeinflusst?

Andrea: Zuerst dachte ich, jetzt schaffe ich Schriftstellerisch viel mehr als vorher – immerhin spiele ich in vier Bands für die es plötzlich weder Proben noch Konzerte gab. Aber ich merkte schnell, mir fehlt die Inspiration durch die Musik und zum Glück haben wir im Homeoffice trotzdem viel Musikalisches geschaffen.

Direkt verändert hat die Pandemie mein Schreiben also wohl nicht, außer dass ich mich kontinuierlich weiterentwickle. Aber ich lernte, meine Geschichten noch mehr zu schätzen. Die Tauchgänge in die versunkenen Reiche fühlten sich manchmal fast wie Urlaubsreisen an.

Mit meiner Fantasy-Folk-Band Tibetréa haben wir am 31.10.2020 ein neues Album (Penta) veröffentlicht. Einige der Songs sind nicht, wie sonst, bei gemeinsamen Proben entstanden, sondern jeder hat für sich etwas dazugespielt und das Ergebnis wurde in Skype-Konferenzen besprochen. Das hatte zwei positive Effekte: Wir haben uns mehr getraut zu experimentieren und wir haben unsere Arrangements stärker und aus einer größeren Distanz reflektiert.

© Katia H.

Folkmetal.at: Hast Du als Musikerin beim Schreiben / Plotten manchmal auch Ideen für einen Soundtrack? Fliessen Songideen in Deine Geschichten und umgekehrt?

Andrea: Absolut. Oft werden Themen durch die Musik, die ich mache, angestoßen und ich führe das in Geschichten weiter. Genauso passiert das umgekehrt. In der Anthologie „Wir sind die Bunten. Erlebnisse auf dem Festival Mediaval“ (Acabus-Verlag) habe ich mich zum Beispiel von einem Gedicht („Des Sängers Fluch“) inspirieren lassen, das ich zuvor mit Tibetréa vertont hatte.

Übrigens höre ich beim Schreiben gerne Soundtracks. Während der Arbeit am dritten Band war es häufig die „Liquid Sound Journey“ von GÄBHARD, mit dem ich zusammen im Ethno-Elektroprojekt Arcana Obscura spiele.

Folkmetal.at: Ende letzten Jahres ist das neue Tibetréa-Album „Penta“ erschienen. Arbeitet ihr bereits an neuem Material oder plant ihr erst das neue Album live zu bespielen?

Andrea: Eine Penta-Tour wird es geben. Sie startet am 24. Juli in Hohenpeißenberg und wird bis Ende 2022 gehen, weil so viele Festivals und Mittelaltermärkte weit verschoben wurden. Wir finden die neuen Songs verdienen es, live gespielt zu werden und freuen uns da riesig drauf.

Trotzdem arbeiten wir musikalisch weiter: an einer Überraschung! In den letzten Jahren und vor allem mit Penta hat sich unser Sound gefestigt und geschärft. Wir sind rockiger geworden, ohne den mystischen und folkigen Kern von Tibetréa zu verlieren. Deshalb arrangieren wir einige alte Songs völlig neu, im jetzigen Tibetréa-Sound. Das erste Lied hat sich dabei so stark verändert, dass es einen neuen Titel bekommen hat und nun „Waldlieder“ anstelle von „Saltus Carmina“ heißt. Trotzdem werden Tibetréa-Fans den Song wiedererkennen. Ob wir diese „Remixe“ auch aufnehmen, ist noch nicht klar. In jedem Fall wird es den ein oder anderen auf der Penta-Tour live zu hören geben.

Folkmetal.at: Vielen Dank für Deine Zeit und hoffentlich bis bald!

Das Interview wurde geführt von anita.folkmetal@gmx.at.

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